08.02.2024
EU will Europas ersten kleinen Atomreaktor bis 2030 in Betrieb nehmen
Die Europäische Kommission hat am Dienstag (6. Februar) erklärt, dass kleine modulare Atomreaktoren (SMR) einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten könnten. Dabei sollen die ersten Reaktoren bis 2030 in Betrieb genommen werden.

Quelle: enerNEWS-Partner EURACTIV

Am Dienstag stellte die Europäische Kommission ihre klimapolitischen Empfehlungen für 2040 vor, mit einem neuen Ziel: die Treibhausgasemissionen sollen im Vergleich zu 1990 um 90 Prozent gesenkt werden.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Abhängigkeit der EU von fossilen Brennstoffen bis 2040 um 80 Prozent im Vergleich zu 2021 reduziert werden.

Zu diesem Zweck erkennt die EU-Kommission „den potenziellen Beitrag kleiner modularer Reaktoren zur Erreichung der Energie- und Klimaziele des europäischen Grünen Deals“ an, heißt es in einer Pewssemitteilung nach der Vorstellung der neuen Empfehlungen.

Diese Reaktoren werden sogar von einem Industriebündnis profitieren, das die Europäische Kommission am Dienstag bestätigte.

„Wir haben beschlossen, eine Industrieallianz für kleine modulare Reaktoren zu gründen, um die Einführung der ersten Reaktoren bis 2030 in den Ländern, die dies wünschen, zu erleichtern“, erklärte die EU-Kommissarin für Energie, Kadri Simson.

Dabei sollen die „höchsten Standards“ für Sicherheit und Nachhaltigkeit eingehalten werden, versicherte sie.

300 MW an Atomkraft

Die Initiative der EU zu kleinen modularen Reaktoren wurde seit einigen Monaten mit großer Spannung erwartet.

Kleine modulare Reaktoren (Small Modular Reactors, SMR) sind Reaktoren, die mit bereits existierenden Technologien ausgestattet sind, die jedoch miniaturisiert wurden. Ihre maximale Leistung beträgt etwa 300 Megawatt (MW), während die Leistung eines größeren „Standard“-Reaktors 700 bis 1600 MW beträgt.

Aufgrund ihrer Größe, Leistung und ihres geringeren Ressourcenbedarfs als Standardreaktoren könnten kleine modulare Reaktoren die Stabilität des Stromnetzes in Ländern mit einem hohen Anteil an erneuerbaren Energien gewährleisten. Zu diesem Zweck eignen sie sich als Ersatz für Wärmekraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen wie Kohle betrieben werden.

„Der Einsatz von kleinen modularen Reaktoren wird Europa erhebliche Vorteile bringen: größere Energiesouveränität, weniger CO2-Emissionen, neue Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum“, erklärte Yves Desbazeille, Geschäftsführer des Verbands Nuclear Europe, nach der Ankündigung der Kommission.

Nuclear Europe sollte übrigens Mitglied des Steuerungskomitees der zukünftigen SMR-Allianz sein, wie aus dem vorläufigen Organigramm hervorgeht, das Euractiv im Dezember einsehen konnte. Die Arbeit wäre in sieben Arbeitsgruppen organisiert, die die an der Allianz beteiligten Akteure, von den Entwicklern über die Sicherheitsbehörden bis hin zu den NGOs, zusammenbringen würden.

Mehrere Unternehmen haben bereits erklärt, sich dem Bündnis anschließen zu wollen, darunter die Entwickler von Reaktoren der vierten Generation (advanced modular reactors, AMR) NAAREA und Newcleo.

In der ersten Liga mitspielen

Das Ziel dieser Allianz ist es, europäische Partnerschaften für die Entwicklung erster europäischer SMR-Projekte bis 2030 zu fördern.

Darüber hinaus sollen rasch wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse (PIIEC) in diesem Bereich entstehen, ähnlich wie in der Solar-, Batterie- oder Wasserstoffbranche.

Denn die technologischen Großmächte China, Indien, die USA und Russland sind ebenfalls auf dem Vormarsch. Die USA sind bereits an Projekten mit Belgien und Italien beteiligt und planen, bis Ende des Jahrzehnts erste eigene kleine modulare Reaktoren in Rumänien und Tschechien zu bauen.

Daher „ist es entscheidend, dass die EU in diesem Bereich nicht zurückfällt, in dem wir zumindest bis jetzt in Bezug auf Wissen und Erfahrung führend waren“, sagte der slowenische Europaabgeordnete der Europäischen Volkspartei (EVP) Franc Bogovič gegenüber Euractiv. Er ist der Autor eines parlamentarischen Initiativberichts für kleine modulare Reaktoren, über den im Dezember abgestimmt wurde.

„Europa hat das technologische und industrielle Potenzial, um mit den USA, China und Russland in diesem Bereich gleichzuziehen“, ergänzte Valérie Faudon, Generaldelegierte der französischen Gesellschaft für Kernenergie, gegenüber Euractiv.

Historischer Tag für die Atomkraft

Parallel dazu hat die EU auch die Atomkraft in die Liste der strategisch wichtigen Technologien innerhalb des neuen Industriegesetzes aufgenommen, dem sogenannten „Net-Zero-Industry Act“. Dadurch wird der Atomkraft eine wichtige Stellung beim Erreichen der Klimaziele eingeräumt.

Als die Europäische Kommission den Entwurf im März letzten Jahres vorschlug, war die Einbeziehung der Atomkraft noch nicht gesichert.

Aufgrund dieser Änderung wird der 6. Februar 2024 von nun an ein schwarzer Tag für die Atomkraftgegner sein.

„Die Gründung dieser Allianz ist ein Zeichen für einen gefährlichen Kurswechsel der EU-Institutionen, der von den wachsenden Forderungen der Atomindustrie nach öffentlicher Finanzierung und administrativer Unterstützung angetrieben wird“, erklärte das Europäische Umweltbüro (EEB), ein europaweites Netzwerk von NGOs, in einer Pressemitteilung.

Laut EEB sind die kleinen modularen Reaktoren außerdem zu teuer, hypothetisch und problematisch in Bezug auf die Sicherung des Brennstoffnachschubs und die Abfallentsorgung.

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